RE:Tullum (Tullium) Leucorum

Free texts and images.
Jump to: navigation, search
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
unkorrigiert
<<<Vorheriger
Τοῦλλον
Nächster>>>
Tullum 2
Band VII A,2 (1948), Sp. 13361340
[[| in Wikisource]]
in der Wikipedia
Dieser Text wurde noch nicht Korrektur gelesen. Allgemeine Hinweise dazu findest du bei den Erklärungen über Bearbeitungsstände.
Scan


Tullum (Tullium) Leucorum (CIL XIII 1 p, 709), Name der Hauptstadt der Leuci, die in Gallia Belgica wohnen (s. o. Bd. XII S. 2152f.) heute Toul im Dip. Meurthe-et-Moselle. Kiepert FOA Taf. XXV Fm. Von den zahlreichen antiken und frühmittelalterlichen Quellen — s. die kurze Zusammenstellung in CIL XIII 1 p, 702f. und die ausführlichere bei Holder [1337] Altcelt. Sprachsch. II 1982ff. und 193f. - seien erwähnt: 1. Ptolem, p. 225, 9 (II 9, 7; ed. Cuntz p. 53f.) 157d9 8E Z0i5T011; (Mediomatriker) xai reirs Tepovs Aevxol, iov rrögets (var. Ton. Am') 26° 30' L.; 47° Br. - um 1° 41' zu niedrig; s. Cuntz p. 97 -, über die darauf genannte zweite Stadt der Leuci Motor (var. Nciacucn,) =.-- heute Naix s. o. Bd. XVI S. 1790f. 2. Tab. Peut. segm. II A 1 Tullium, genannt im Abl. Tullio, als Station der Umwegstraße Andemantunnum (:.---- heute Langres) -Tullium, und zwar von Noviomagus heute Nijon; s. o. Bd. XVII S. 1196 Nr. 7) 15 mp. nach Norden entfernt, sowie als Station der Straße Durocortorum h. Reims) nach Divodurum (=-- h. Metz), und zwar von Scarponna (=--. h. Scarponne bei Dieulouard) 10 mp. nach Süden entfernt; s. CIL XIII 2 p. 691. Es handelt sich bei jener um ein Stück der vermutlich auf Agrippa zurückgehen. den und alsdann als Basis für die Germanenzüge dienenden Straße, die, den neuen gallischen Haupt. ort Lugdunum mit dem Rhein verbindend, über Langres nach Metz-Trier führte. S. Davill6 Bull. min. arch. 1926, 270. Grenier VI 171f. 3. Itin. Ant. 365, 4 (ed. Cuntz p. 55) Tullum (var. Tulum) als Station der einen von zwei Straßen a Durocortoro Divodurum, und zwar genannt zwischen Nasium und Scarponna, von jenem 16 mp. (gegen Osten) von diesem 10 mp. (gegen Süden; s. o. unter 2.) entfernt (CIL XIII 2 p. 691); sodann Itin. Ant. 385, 10 (ed. Cuntz p. 60) Tullum als Station der Straße ab Andemantunno Tullo Leucorum, und zwar von Solimariaca h. Sonlosse: s. u. Bd. III A S. 926f. CIL XIII 1 p. 702. Grenier Manuel d'Archklogie VI 117, 2. 696ff.) 15 Leugen entfernt (CIL XIII 2 p. 690). 4. Nicht ganz gesichert, aber sehr wahrscheinlich ist die Erwähnung von ITVLLVAT LEVCO]RUM in Z. 5 des 3. Fragments des Meilensteins von Antun CIL XIII 2681 c (err, XIII 2 p. 690: Grenier 117). das sich auf ein Stück der genannten Straße zu beziehen scheint, Z. 4 ist zu fragmentarisch für Ergänzung, dagegen Z. 6 ist wohl zu [SOLIMARIAJCA zu ergänzen. Die Entfernung der beiden im Leukergebiet gelegenen Orte - in der genannten Stelle Itin. Ant. 385, 10 =-- 15 Leugae - ist hier ausgefallen. 5. Geogr. Rav. IV 26 (p. 233, 16 ed. Pinder und Parthey) Tulla als erste unter den 9 civitates iurta fluvium Illosela genannt vor Scarbona. 6. Not. Gall. V 4 (ed. Seeck p. 265): in provincia Belgica prima wird eine der 4 civitates genannt civitas Leucorum - s. darüber L o n g n o n Atl. hist. Texte 1160. id est Tullo, d. h. mit dem Hauptort T. Dieser Name ist alsdann herrschend geworden; aus ihm wurde der moderne Ortsname Toul (0. Hirschfeld Die römischen Meilensteine, S.-Ber. Akad. Berl. 1907, 197). Die frühmittelalterlichen Zeugnisse (s. V a 1 o i s Not. Gall. 564f.) sind zahlreich. über die älteste Geschichte der im 4. Jhdt. gegründeten Diözese von Toul, der ecelesia Tullensis, deren Gebiet sieh mit dem Gebiet der Leuci gedeckt haben mag (vgl. Holmes Caesar's Conquest of Gault 444: die Diözese von Verdun liegt nicht auf altem Lenker-, sondern Mediomatrikergebiet), s. Gallig Christians XIII 9570. Eines der ältesten Zeugnisse ist die Tullensis urbs im Brief [1338] des in der Bischofsreihe als 4. gezählten Auspicius, episcopus ecclesiae Tullensis, ad Arbogastem c. 460 (Mon. Germ. epist. III p. 135); dann cone. Aurel. a. 549: Alodius episc. ecel. Tullensis; Vita Vedasti episc. Atreb. nennt z. B. Tullum oppidum (Mon. Germ. sen rer. mer. III 407, 14f. 414, 33). Merowingische Münzen nennen TVLLO mit und ohne GIVITA(T) (s. P r o u Cat. d. monn. mer. 978-984), bischöfliche Münzen des 12. und 13. Jhdts. TVLLI und TVLLV. Andere mittelalterliche Quellen erwähnen Tollensis campernia (Fredeg. Ohren. IV 38), pagus Tullensis (L o n g . n o n a. 0. einem der 8 pagi der civ. Leucorum), Tullum civitas, territorium Tullense usw., aber auch Leucha urbs, Leucorum oppidum, Leu- cia (Tiron. Noten: mittelalterlicher Zusatz zu Tullium. ; s. Zangemeister Neue Heidelb. Jahrh. 1892, 8 nr. 39. 13). S. Lapage Dict. topogr. du Dep. de la Meurthe p. VII. Endlich ist zu erwähnen eine Scholienstelle des 10. Jhdts.: Lucanus Comm. Bern. zu I 424 erläutert einen Vers über den waffengeübten Leucus mit Leuchus populus Galliae, cuius oppidum Tullum.

Zur Namenserklärung s. Gröhler Urspr. n. Bedeutung der franz. Ortsnamen I 344f. Mit Recht lehnt er die Ansieht von A r b o i s de Jubainville (Propriete fonciere S. 374. 504; Rev. celt. XII 169) ab, der ausgehend von der durch Ptolemaios und Tab. Peut. überlieferten, vielleicht älteren Namensform Tullium, die aber bereits vom Itin. Ant. ab durch die an sich wohl richtigere Form Tullum ersetzt ist - aus Tullum wird Toul, aber aus Tullium etwa Touille - zunächst an das öfters, übrigens auch im keltischen Kreise bezeugte, Cognomen Tullus, z. B. CIL XII 3726. 5804 denkt, woraus praedium Tullium entstanden wäre, ein Umweg, der jedoch nicht nötig wäre, es könnte auch von Tullus ein praedium Tullum gebildet sein. Der gewiß vorhandene gallische Name wäre dann verlorengegangen. Mehr Wahrscheinlichkeit hat die keltische Ableitung für sich, und zwar von der Wurzel tu -.=--- schwellen und ihrer 1-Bildung tu/ =--. Schildbuckel oder tulach Hügel (s. Walde-Pokorny Vgl. Wörterbuch der idg. Sprachen I 709f. Vgl. auch B u c k Alemannia IX 19). Erinnert sei noch an Toi,,Uov des Strab. IV p. 207 (s. o. S. 1336) in Noricum (s. nachher).

Die archäologischen Funde auf dem Boden Touls und seiner nächsten Umgebung entsprechen nicht der Bedeutung des vicus T. als Hauptstadt der Leuci. T. wird nie von einem antiken Historiker genannt, auch nicht im Zusammenhang etwa mit den nicht selten erwähnten Leuci, außer bei Ptolem. a. 0. EspArandieu fragt daher wohl mit Recht (Basreliefs VI 75), ob nicht ursprünglich Nasium, von wo viel mehr Reste, darunter eine Weihung GENIO LEUCORUM (CIL XIII 4630), bezeugt sind, diese Rolle der Hauptstadt zukomme; oppidum Leucorum wäre dann erst später T. dank seiner Lage an der Kreuzung der zwei Straßen von Langres (Süden) und von Bar-le-Duc (Westen) geworden. Dabei ist aber eigenartig, daß T. seinen keltischen Namen beibehalten und der neuen Hauptstadt aufgedrängt hat. Zur Erklärung s. auch Jullian Hist. de la Gaule VI 470 und Toussaint La Lorraine ä 1'6poque galloromaine 1928, 139. Erst [1339] das Christentum hat die eigentliche Rolle Touls entwickelt. Wenn Tac. hist. I 64 in der Erzählung der Ereignisse des J. 69 von der civitas Leucoram spricht, in der Valens die Nachricht von der Ermordung Gelbes erhielt, so ist damit ebensowenig die im Itin. Ant. Tullum Leucorum genannte Hauptstadt gemeint, wie nachher ,civitas Lingenum` nicht die Hauptstadt bezeichnet, sondern das Gebiet. So wissen wir über die Geschichte des römischen T. sehr wenig, auch niohts ans Caesar, der einmal (bell. Gell. I 40, 11) die Leuci als Getreide liefernde Bundesgenossen der Römer erwähnt.

Die geographische Situation des Orts in beherrschender Lage au der Mosel und zugleich an der Kreuzung dreier Straßen (nach Westen, Süden und Nordosten) lud früh zur Besiedlung ein, so in den flußaufwärts am linken Ufer, wie T., gelegenen Grotten von St. Pierre-la-Treiche; vgl. darüber Beaupre Rep. arch. pour le Dep. de Meurthe-et-Moselle 1897, 134f. Wichtig ist vor allem der Berg Saint Michel nördlich von T. jenseits des heutigen Marne-Rhein-Kanals, vielleicht die Urzelle der keltischen Besiedlung, womit die oben gegebene Deutung des Namens -..= Erhöhung übereinstimmen würde. In spätrömischer Zeit ist nach Beanpr b 135f. hier oben eine Befestigung von 100X 65 m mit Ecktürmen und tiefem Graben gewesen; s. auch Blanchet Les enceintes 227.

R. P. Benolt Picart Hist. eccl. et pol. de la ville et du diocese de Toul 1707, 174 rühmt, daß man in wenigen Städten Frankreichs in den letzten 60 Jahren so viel Altertümer, besonders Münzen gefunden habe, wie in T. Dom Cal-m e t Hist. des hommes illustres (Nancy 1751) Einl. S. III schreibt, daß man im J. 1700, als man mit den neuen Befestigungen begann und dazu die alten Stadtmauern niederlegte, in den Fundamenten dieser römische Inschriften und Grabdenkmäler und anderes — wie z. B. den Sucellus, jetzt bei Esperandien nr. 4708 —.gefunden habe (B 1 anchet 100). Diese Arbeiten, verbunden mit vielen Tiefgrabungen, und später die Anlage des genannten Kanals, welche da und dort Gräber anschnitten, geschahen in einer Zeit, die den Funden nicht viel Beachtung schenkte. So erklärt sich die geringe Zahl von archäologischen Resten vom Boden T.s. Die Inschriften s. CIL XIII 4671-4677: eine Weihung an Mercur, die übrigen Steine Grabschriften. Die Bildwerke s. Es peran die u Basreliefs nr. 4707 —4714, darunter außer dem genannten Sucellus Mercur und Rosmerta (4709), das andere meist Grabmäler ohne besondere Art. Eigenartig ist jedoch das zuerst von Beaulieu Arch. de la Lorraine I (1840) 145ff. veröffentlichte Kapitell mit 9 Köpfen (E sperandien 4707), gefunden in 8 m Tiefe im J. 1810. Anderes, insbesondere die Funde aus den Gräberfeldern s. bei Olry Rep. arch. de la ville de Toul (Mem. de la soc. d'Arch. Lorr. XX 1870 Suppl. S. 193-284). CataL du mnsee 1894. Beaupre 135.

über die antike Befestigung der Stadt herrscht keine völlige Sicherheit. S. Blanchet 100 mit Lit. Beanpre Les etudes prehist. en Lorraine de 1899-1902, 151 rekonstruiert ihre Lage zwischen zwei Armen des Baches Ingressin und die [1340] Form eines Parallelogramms von 400 in Länge und 300 m Breite, jene von Nordost nach Südwest, diese von Nordwest nach Südost, sowie 28 Rundtürme. Es ist nicht einmal sicher, ob die Hauptstraße Lyon—Trier durch die Stadt lief oder sie umging. Die heutige rue Michatel teilt jedenfalls die alte Stadt in zwei Teile (T o u s - saint 141). 01 r y 203f. nimmt für die Entstehung die Zeit des Kaisers Valentinian an, 10 indes Blanchet 100 mit Recht an eine frühere Zeit denkt. 0 Ir y beschreibt ihren Verlauf durch die Straßen der Stadt. Bereits im J. 1238, unter Bisehof Roger de Marcey, ist der größere Teil der römischen Mauern verschwunden, indes der Rest vom Hotel de Ville über Kathedrale und Cour-Albaud bis zum Pont Caillant noch bis 1700 bestand.

Literatur. Außer der genannten: Ukert Geogr. d. Griech. und Röm. 505. F o r b i g e r 20 Handb. d. a. Geogr. III 239. De s j a r din s Geogr. II. III und IV passim (s. Register IV); d e r s. Table de Peat. 19. Miller Itin. Rom. 65, der jedoch das in Tab. Peut. nahe von Tullio angebrachte Thermenbild unter Verweis auf eine nahe Stahlquelle auf Toul bezieht, während tatsächlich das Zeichen zu Lindesina im Gebiet der Lingonen gehört und damit das heutige Bourbonne-les-Bains gemeint ist, wie Desjardins Table de Pent. 19ff. und Zangemeister CIL 30 XIII 2 p. 132f. richtig vermuten. Joanne Dict. topogr. VII 4890. Neune Jahrb. f. lothring. Gesch. IX 108.


[P. Goessler.]